Sensation in der Vorrunde der FSA-Hallenlandesmeisterschaft
Am vergangenen Wochenende fand die Vorrunde zur Landesmeisterschaft des Fußballverbandes Sachsen-Anhalt in Halberstadt statt. Da unsere B-Junioren die Finalrunde des KFV Burgenland gewonnen haben und amtierender Hallenkreismeister im Landkreis sind, war die Teilnahme an diesem Turnier eine Pflichtveranstaltung.
Im zweiten Turnierspiel des Tages trafen wir auf den SV Blau-Rot Pratau. Den aktuellen Landesligisten und Kreismeister des Landkreises Wittenberg. In einer technisch hochwertigen Partie mit zahlreichen Torchancen auf beiden Seiten blieb es lange beim 0:0, ehe Moritz Ruider in den letzten Sekunden vor dem Abpfiff den erlösenden 1:0-Treffer für den TSV 1893 Großkorbetha erzielte. Die ersten drei Punkte waren im Sack.
Unser zweites Spiel bestritten wir gegen Sportring Mücheln, ebenfalls Landesligist und Kreismeister aus dem Saalekreis – eine Partie, die wir am Ende auch in dieser Höhe verdient mit 0:5! verloren. Mit schnellen Schritten und zornigen Blicken ging es anschließend in die Kabine. Die Enttäuschung war bei allen riesengroß. So groß sogar, dass unser Führungsspieler und zugleich absolute Diva Tobias Leißner während der Traineranalyse kurzerhand die Kabine verließ. Martin Dähmlow und ich liefen ihm nach, schleiften ihn förmlich zurück und dann knallte die Tür. Was danach folgte, hätte ein Comiczeichner wohl mit Rissen im Mauerwerk, klappernden Dachziegeln und Sprechblasen voller Blitze und Boxhandschuhe dargestellt. Nach einer hitzigen und lautstarken Auswertung legten wir genau in diesem Moment das Fundament für etwas ganz Großes. Unsere Erkenntnis: Gegen starke Gegner waren wir defensiv zu offen, zu vogelwild – fast wie ein Hühnerhaufen. Die Konsequenz war eine Umstellung von Würfelvier auf Raute. Tobias Leißner kündigte sein Dasein als Offensivspieler und rückte zentral nach hinten. Von dort hatte er das gesamte Spiel vor sich und konnte die Fäden ziehen. Robin Steinfelder verwandelte sich vom Verteidiger zur alleinigen Sturmspitze, um entweder den schnellen Abschluss zu suchen oder den Ball festzumachen, damit unsere schnellen Außenspieler Aaron Kitsche, Dennis Jakobi, Felix Sandler oder Moritz Ruider nachrücken konnten. Dieser Plan zeigte bereits im nächsten Spiel seine Wirkung.
Gegen den Kreismeister aus dem Landkreis Mansfeld-Südharz lief es von Beginn an wie am Schnürchen. Der Ball lief sehr gut durch die eigenen Reihen und wir gingen früh durch Moritz Ruider in Führung. Trotz seiner defensiveren Aufgabe konnte Tobias Leißner mit dem 2:0 nachlegen. In der letzten Spielminute kassierten wir zwar noch einen Gegentreffer. Egal, die nächsten drei Punkte waren im Sack. Uns war nun klar, dass nur noch ein weiterer Dreier nötig war, um die große Sensation perfekt zu machen. Doch gegen wen sollten wir diesen holen? Es standen nur noch zwei Spiele an – und ausgerechnet gegen Mannschaften, die bis dahin das gesamte Turnier dominiert hatten.
Unser vorletztes Spiel gegen den Tabellenführer der Verbandsliga und Kreismeister des Landkreises Harz, den VfB Germania Halberstadt, ist schnell erzählt: null Tore für uns, sieben gegen uns. Wahnsinn – wirklich Wahnsinn. Diese Mannschaft, jeder einzelne Spieler, ist einfach richtig krass gut. Auf den Zuschauerrängen wurde erzählt, dass die Jungs fünfmal pro Woche trainieren. Und ehrlich: Das habe ich sofort geglaubt.
Nun stand unser letztes Spiel bevor, und wir benötigten weiterhin diese drei entscheidenden Punkte. Nach einer kurzen Motivationsrede in der Kabine hob plötzlich unser Torhüter Maurice Wolf – eine sonst so ruhige und liebenswerte Persönlichkeit – den Kopf und fragte: „René, du willst uns jetzt vermitteln, dass wir gegen Spieler, die sonst in der Regionalliga oder sogar in der Junioren-Bundesliga spielen, einfach so gewinnen sollen?“ Ein knappes „Ja, das machen wir jetzt so.“ bekam er zur Antwort.
Der Hallesche FC wartete bereits im Flur auf uns. Beide Mannschaften betraten das Parkett, die Schiedsrichter pfiffen an und der TSV 1893 Großkorbetha legte los wie die Feuerwehr. Schnell gingen wir durch Tobias Leißner mit 1:0 in Führung. Wir standen defensiv hervorragend, ließen kaum Torchancen zu und blieben über Konter stets brandgefährlich. Folgerichtig fiel das 2:0 durch Moritz Ruider. Das 3:0 lag sogar in der Luft, doch der Torpfosten hatte etwas dagegen. Dann begann die Phase des HFC. Drei Minuten waren noch zu spielen, unsere Kräfte schwanden. Wir Trainer entschieden uns bewusst gegen Wechsel, um keine unnötige Unruhe hineinzubringen. Kämpfen bis zum Schluss – mehr blieb uns nicht. In den letzten 90 Sekunden verkürzte der HFC zunächst auf 2:1 und glich 40 Sekunden vor dem Ende sogar zum 2:2 aus. Für uns zu wenig, das war allen klar. Die letzten Sekunden liefen und der Vorhang öffnete sich für unser absolutes Mentalitätsmonster Moritz Ruider. Er löste seine Position auf und jagte jeden Ball kompromisslos. Nach einem Ausball für den HFC in unserer Hälfte wurde ein Pass auf Höhe der Mittellinie unsauber gespielt. Genau auf diesen Moment hatte Moritz gewartet. Er fing den Ball beherzt ab, dribbelte auf den herausstürmenden HFC-Torhüter zu, legte sich den Ball jedoch etwas zu weit vor und musste sich lang machen, um die Kugel noch unter dem Keeper hindurch ins Tor zu schieben. Der Ball kullerte. Und kullerte. Und kullerte. Und exakt eine, wirklich eine, Sekunde vor dem Abpfiff überschritt er die Torlinie.
Was dann folgte, war Extase pur. Endorphine schossen durch die Körper, alles fühlte sich an wie auf Drogen an, wie im Rausch. Überall schienen Blümchen zu wachsen, aus heranwachsenden Männern wurden wieder kleine, fröhliche Kinder, die sich umarmten, laut schrien und diesen Erfolg kaum begreifen konnten. Doch plötzlich zogen dunkle Gewitterwolken auf. Die fünf Schiedsrichter kamen zusammen und verwandelten sich in ihren schwarz-gelben Trikots von niedlichen Bienchen in spießige Wespen. Ich ging in die Runde, wollte wissen, worum es ging und wurde weggeschickt. Nach kurzer Zeit versuchte ich es erneut und sagte mehrfach: „Zerstört doch diesen Moment nicht“ und „Im Zweifel für den Angeklagten.“ Wieder wurde ich weggeschickt. Diskutiert wurde, ob der Einkick des HFC in unserer Hälfte, kurz vor dem 3:2, möglicherweise falsch ausgeführt worden war. Nach drei Minuten und gefühlt einer halben Ewigkeit folgte schließlich ein Augenzwinkern des Schiedsrichters und das entscheidende Zeichen auf den Mittelpunkt. Tor und damit Sieg für den TSV 1893 Großkorbetha.
Wir stehen im Finale !!!
Wir fahren nach Thale zur FSA-Landesmeisterschaft !!!
Total irre !!!
Auch der Weg durch die Zuschauer auf der Tribüne war bezeichnend. Ein älterer Mann sagte zu mir: „Man hat den absoluten Willen in euren Augen gesehen.“ Eine ältere Dame meinte: „Ich kenne euch nicht, aber ich habe euch die Daumen gedrückt.“ Und ein Halberstädter Funktionär entgegnete mir: „Das war ganz großes Kino – genießt diesen Moment!“
Ich habe sonst immer einen lockeren Spruch auf den Lippen, aber in diesem Moment konnte ich nur mit einem stummen Nicken oder einem leisen „Danke“ antworten. Zu verrückt war die Vorstellung, dass unser kleines Korwethe von insgesamt 171 Mannschaften dieser Altersklasse in ganz Sachsen-Anhalt schon jetzt zu den besten sechs gehört.
Liebe Leser, sollte diese Geschichte eines Tages bei X-Factor: Das Unfassbare im Fernsehen bei RTL2 laufen – sie ist wahr. Ich habe es selbst erlebt.
Das Finale der Landesmeisterschaft des Fußballverbandes Sachsen-Anhalt findet am Samstag, den 31.01.2026 um 15:30 Uhr in der Mehrzweckhalle in Thale statt.
Veröffentlicht: 19. Januar 2026
